Und trotzdem habe ich Angst
Selten war ich optimistischer, dass der FC St.Gallen tatsächlich den Cup holt. Es wäre das Ende eines ganz persönlichen Traumas, das bereits über ein Vierteljahrhundert andauert.
Während ich diese Zeilen schreibe, zieht an meinem Zugfenster die sanft hügelige Landschaft zwischen Lausanne und Fribourg vorbei. Anstatt die Heimreise direkt anzutreten, bin ich nach dem gewonnenen Cuphalbfinal zuerst von Yverdon in Richtung Lausanne gefahren und fahre nun die IC1-Strecke über Fribourg und Bern.
Ich habe mir bewusst eine Spartageskarte gegönnt, um Umwege fahren zu können. Auf dem Hinweg fuhr ich diesen, weil ich mit meiner Nervosität allein sein wollte. Auf dem Rückweg habe ich einen solchen prophylaktisch eingebaut, weil ich zu sehr Angst hatte, dass es wieder einmal nichts wird. Wieder einmal keine Cupfinalqualifikation (Basel, Lausanne, Wil…). Wieder einmal eine Blamage gegen einen Unterklassigen (Delémont, Küssnacht, Gossau…). Vor Jahren stand im Magazin Zwölf, dass kein Super-Ligist im Cup öfter gegen Unterklassige verloren hat als der FC St.Gallen. Ob das immer noch stimmt, weiss ich nicht. Ob es nur um Duelle mit einer Liga Unterschied ging, weiss ich ebenso wenig. Aber die grundlegende Aussage ist haften geblieben: St.Gallen und der Cup – Beziehungsstatus kompliziert.
Das dritte oder vierte Mal?
Nun haben wir es geschafft und stehen im Cupfinal. Ob es nun das dritte oder vierte Mal in der Neuzeit ist, darüber haben wir im Gästesektor noch gestritten. Zugegeben, 1998 ist lange her und viele derjenigen, die in Yverdon dabei waren, kennen das nur aus Erzählungen. Das soll kein Dünkel sein, aber halt Fakt. Und vor allem eine Erklärung, wo mein ganz persönliches Trauma begann. Und entsprechend auch meine Zählung. Und die Angst, dass wir am Ende wieder mit leeren Händen dastehen.
1998 war ich zwölf Jahre alt. Zum Cupfinal fuhr ich im Car mit meinem Vater, ein paar Schulkollegen und deren Vätern. Das Vorspiel im alten Wankdorf war der U21-Cupfinal. So habe ich das zumindest in Erinnerung. Und weil dort Luzern gegen Lausanne spielte und wir danach ja ebenfalls gegen Lausanne antreten würden, war der St.Galler Sektor auf Seiten der Luzerner.
Ich war guter Dinge, dass St.Gallen gewinnen würde. Schliesslich spielten viele der Spieler, mit denen ich grün-weiss sozialisiert wurde, immer noch für den FC St.Gallen. Im Tor, die Position, die ich beim lokalen FC ebenfalls innehatte, stand Jörg Stiel, hinten sicherte Marco Zwyssig ab, Sascha Müller sorgte für Vorstösse, die zwei Jahre später auch Chelsea beeindrucken sollten, und vorne war Edwin Vurens weiterhin ein Garant für erfolgreiche Aktionen. Selbst ohne den anderen Holländer, Erik Regtop. Der war zu Beginn des Jahres nach Frankreich gewechselt – vermutlich, weil ich ihn im Trainingslager unseres FCs getunnelt hatte, bin ich heute noch überzeugt.
Ein verschossener Penalty als Beginn eines Traumas
Und so ging es ja auch los. Vurens traf vor der Halbzeit. Vurens traf nach der Halbzeit. Vurens durfte zum Penalty antreten. Und verschoss. Sein Fehlschuss ist der Beginn meines Traumas. Danach gings bergab, St.Gallen verlor im Penaltyschiessen und mein Zwölfjähriges Ich war zu Tode betrübt. Es sollte weitere 23 Jahre dauern, bis ich erneut guter Dinge nach Bern reiste, weil ich sicher war, dass dieses Trauma ja irgendwann enden muss. Als akkreditierter SENF-Tickerer durfte ich bei dem Spiel dabei sein, bei dem – Corona sei Dank – kaum einer dabei sein durfte.
Gegen den FC Luzern, das war eigentlich ja die perfekte Bühne, das Trauma zu besiegen. Ausgerechnet gegen Luzern ging das Trauma aber weiter, wie sich herausstellen sollte. Die Niederlage hat mehr geschmerzt, als ich es mir damals eingestehen wollte. Gegen aussen sagte ich noch, einen Corona-Titel wolle doch eh niemand. Aber bis heute sagt mir meine Frau, so wie an diesem Abend hätte sie mich noch nie erlebt. Und auch wenn ein Teil dieser Aussage sicher dem Fakt geschuldet ist, dass ich ziemlich betrunken war: Es schwingt mehr mit.
Ein Jahr später gegen den FC Lugano war ich verhalten optimistisch. Lugano müsste doch zu packen sein. Mit Tausenden St.Gallern im Rücken. «Ganz Sangallä fahrt uf Bern.» Und sieht, wie der FC St.Gallen nach vier Minuten in Rückstand gerät. Der zwischenzeitliche Ausgleich hält nicht mal bis zur Pause. Nach einer Stunde steht es schon 3:1 und nach 70 Minuten ist «dä Mischt garettlet». Wieder nichts. Das Trauma hatte nun fast ein Vierteljahrhundert Bestand. Und ich war insgeheim froh, dass wir die nächsten Jahre im Cup gar nicht in die Nähe des Finals kamen. 2023, 2024 und auch noch 2025 hätte ich einen weiteren Cupfinal emotional nicht überstanden.
2026 wird anders sein als 2021 und 2022
Nun stehen wir wieder im Final. Und natürlich sagt der traumatisierte, leidgeplagte Zwölfjährige in mir: «Das wird doch wieder nichts.» Doch seit 1998 ist viel passiert. Oder nur schon seit 2021 und 2022. Der FC St.Gallen, der damals diese Cupfinalniederlagen eingefahren hat, existiert nicht mehr. Mittlerweile haben wir im «neuen» Wankdorf tatsächlich mal ein Spiel gewonnen. Die Mannschaft strahlt in dieser Cup-Saison eine Sicherheit aus, die selbst bei Verlängerung und Elfmeterschiessen in Wil und Rapperswil keine wirkliche Angst aufkommen lässt.
Das liegt zu grossen Teil an Lukas Watkowiak. Ich gebe zu, ich war 2022 noch einer derjenigen, die sich für Lawrence Ati-Zigi im Finaltor ausgesprochen hätten. Doch «Watti» hat sich seither als eine Nummer Zwei positioniert, die seinesgleichen sucht. Er akzeptiert seine Position ohne Murren. Und wenn es ihn braucht, ist er da. Die Penaltyschiessen im diesjährigen Cup sind bester Beweis dafür.
Während ich mich noch gut erinnere, wie ich die Mannschaft auch wegen der ungewohnten Besetzung der Goalie-Position 2022 als verunsichert empfunden habe, weiss ich 2026: Keiner – und wirklich kein einziger – in der Mannschaft ist auch nur im Geringsten verunsichert, wenn «Watti» zuhinterst steht statt Zigi. Der Gegner hingegen spielt für meinen Optimismus eine untergeordnete Rolle. Sind wir ehrlich – auch wenn das eine Floskel ist: Spiele gegen Unterklassige sind nie einfach. Und ob ein verunsichertes GC wirklich der stärkere Gegner gewesen wäre als ein Lausanne-Ouchy, das nichts zu verlieren hat? Ich bezweifle das.
Endlich einen Erfolg verdient
Und nicht zuletzt bin ich auch optimistisch, weil wir es ganz einfach endlich mal verdient haben. In Basel singen sie «Erfolg isch niid alles im Läbä». Das entlockt mir immer ein müdes Lächeln. Deren «Erfolglosigkeit» wäre im Osten das Gegenteil. Ähnliches gibt es in anderen Städten. Mir ist natürlich bewusst, dass für die allermeisten Clubs in der Fussballschweiz selbst die vermeintlichen Honigtöpfe der Super League schon völlig unerreichbar sind. Aber von den mehr oder weniger konstant oben mitspielenden Teams haben die wenigsten Fans so sehr erfahren, warum Leidenschaft Leiden schafft, wie wir es haben. Irgendwann ist dafür eine Belohnung fällig. Und dieses Jahr wird sie kommen. Am 24. Mai.
Ich habe trotzdem Angst.