Au mol gwünnä isch schö gsi
Dieser Artikel erschien 2019 im SENF #11 – Legenden. Einige Restexemplare sind hier noch erhältlich.Meistertitel und Cupsiege sind beim FC St. Gallen ein rares Gut. Nur zwei Meistertitel und ein einziger Cupsieg finden sich in der langen Historie des Clubs. Zum ersten und bisher einzigen Mal krönte sich der FC St. Gallen in der Saison 1968/69 im Berner Wankdorf gegen die AC Bellinzona zum Cupsieger. Dieser Sieg jährte sich damit bereits zum 50. Mal.
Pfingstmontag, 26. Mai 1969, im Stadion Wankdorf in Bern: Kurt Grünig auf Rudolf Nafziger, 1:0, Grünig auf Nafziger, 2:0. Innerhalb von zehn Minuten entscheiden Captain Grünig und Doppeltorschütze Nafziger in der zweiten Halbzeit den Cupfinal.
Grünig erinnert sich noch genau an die zwei Tore: «Das erste Tor bereitete ich mit einem Pass von der Mittellinie in den Strafraum vor. Beim zweiten lupfte ich einen Freistoss auf Nafziger. Er versenkte den Ball zweimal souverän im Tor.» Die Berner Zeitung beschreibt die beiden Tore ähnlich, wie sie Grünig noch im Kopf hat: «Grünig lief von der Platzmitte aus mit dem Ball torwärts und lancierte den spurtenden Nafziger, der allein vor Eichenberger sicher einschoss. Den Freistoss, unmittelbar vor der Strafraumgrenze getreten, hob Grünig über die Abwehrmauer, wo Nafziger die Chance sofort erfasste und, sich um die eigene Achse drehend, in der 72. Minute das 2:0 für die St. Galler erzielte.»
Der Sieg des FC St. Gallen gegen die AC Bellinzona und der Gewinn der Sandoz-Trophäe war zu diesem Zeitpunkt alles andere als selbstverständlich. So titelte die Berner Zeitung am Tag danach: «FC St. Gallen: Aussenseitertriumph im 44. Cupfinal.» Viele trauten dem FC St. Gallen den Cupsieg nicht zu.
Jean-Paul Biaggi, der Torhüter im Cupfinal, erinnert sich, wie viele Zeitungen die AC Bellinzona stärker einschätzten: «Alle Zeitungen schrieben, es sei schön für uns, am Cupfinal dabei zu sein, wir hätten aber keine Chance. Es wäre nur eine Reise nach Bern und wieder zurück, mehr nicht.» Denn die AC Bellinzona hatte grosse Namen und ausländische Nationalspieler in der Mannschaft, wie Biaggi ausführt: «Roberto Frigerio, Vittore Gottardi, Raffaële Nembrini, Jørn Sørensen, Ivo Ghilardi, allesamt hervorragende Fussballer.»
Doch die Mannschaft des FC St. Gallen hatte neben einigen guten Fussballern vor allem eines, wie Leo Bauer, Verteidiger und im Finale Manndecker von Frigerio, verrät: «Wir hatten in der Mannschaft eine sehr gute Kameradschaft und viele tolle Mitspieler wie Nafziger, Biaggi, Aldo Moscatelli oder Grünig. Ich denke aber auch an Guido Schüwig, Markus Pfirter, Livio Dolmen, Peter Meier, Marcel Tanner, Louis Frei oder Walter Kaspar. Wir waren alle gute Freunde.» Diese Freundschaft zeigte sich auch in der Tatsache, dass man nicht nur zusammen trainierte: «Wir hatten einen super Zusammenhalt. Wir gingen viel zusammen essen und auch immer wieder miteinander aus und jassten», erzählt Grünig.
Abergläubischer Trainer
Vielleicht waren es aber nicht nur die Geschlossenheit und der Zusammenhalt im Team, die den Cupsieg ermöglichten. Vielleicht waren es auch der Aberglaube von Trainer Albert Sing und seine Vorbereitung auf den Cupfinal.
Sing wurde erst im Verlaufe der Saison 1968/69 Trainer des FC St. Gallen, als der Club aufgrund eines mittelmässigen Saisonstarts René Brodmann entlassen hatte. Er war zuvor 1954 unter Sepp Herberger Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft gewesen. Dank dem Wunder von Bern hatte sich die Bundesrepublik Deutschland damals zum ersten Mal zum Weltmeister gekrönt. Während der WM hatte die Nationalmannschaft im Hotel Restaurant Belvedere in Spiez logiert und Sing entschied sich, mit dem FC St. Gallen bereits zwei Tage vor dem Cupfinal, am Morgen des Pfingstsamstags, nach Spiez zu reisen und ebenfalls im Hotel Restaurant Belvedere zu nächtigen.
Für die Spieler war es eine grosse Motivation, im selben Hotel wie der Weltmeister 1954 zu logieren, wie Bauer verrät: «Zusammen mit dem Hotelier konnte uns Sing sogar sagen, welche Spieler damals in welchen Zimmern übernachtet hatten. Ich schlief im Bett von Helmut Haller und Sing im selben Bett, in dem er schon 15 Jahre zuvor geschlafen hatte.» Biaggi wurde in das Zimmer von Toni Turek, Torhüter der deutschen Mannschaft 1954, eingeteilt. Ebenfalls bestand Sing darauf, dass seine Mannschaft im Wankdorf dieselbe Garderobe benutzen konnte wie der Weltmeister beim Finale der WM 1954. Dafür ging er eigens zum Platzwart des Wankdorfs und sorgte für die Erfüllung dieses Wunsches.
Sing war ein Trainer alter Schule und bekannt für konservative Methoden und harte Trainings. Bauer erinnert sich aber nicht nur an die harten Trainings. Bereits damals gab Sing den Spielern Ernährungstipps, insbesondere zur Verpflegung am Spieltag. «Einmal hatten wir am Sonntag um 15 Uhr ein Spiel, da assen wir noch zuhause. Um 11:45 Uhr klingelte es an der Türe, was an einem Sonntag sehr ungewöhnlich war. Ich öffnete die Türe und wer stand da? Sing, unser Trainer. Er wollte kurz einen Blick auf meinen Mittagsteller werfen. Meine Frau hatte ein Entrecôte mit Schwarzwurzel gekocht. Sing war sehr zufrieden und sprach meiner Frau und mir ein grosses Lob aus.»
Sing war mit seinen klaren Vorstellungen aber nicht nur ein Trainer alter Schule, sondern hatte auch eine bemerkenswerte menschliche Seite. So überraschte er die Tochter von Bauer am Abend des 6. Dezembers 1968 mit einem Chlaussack oder überliess ihm in der Sommerpause seinen Opel, als er für längere Zeit in die Ferien ging.
Auch vor dem Cupfinal schreckte Sing nicht zurück, liess hart trainieren und wollte nichts dem Zufall überlassen. Am Pfingstsamstag liess er seine Mannschaft zur gleichen Zeit, zu der zwei Tage später angepfiffen werden sollte, trainieren. Über die Vorbereitung von Sing schrieb die Berner Zeitung: «Sing fasste seine Burschen hart an. Die Ostschweizer nahmen das Mittagessen in Bern ein und dislozierten von dort mit dem Car nach Spiez. Dem Kader blieb allerdings keine Zeit, den herrlichen Ausblick auf Thunersee und Spiezer Bucht zu geniessen, denn um 14:30 Uhr pfiff Albert Sing im Thuner Lachen-Stadion bereits das Training an. Dieses erstreckte sich bei drückender Hitze über volle 60 Minuten und wurde von Sing richtigerweise (er selbst drückte sich auch nicht) mit aller Schärfe durchgeführt. Am Sonntag haben ja seine Spieler genügend Siesta-Zeit.»
Sing gewährte die Siesta-Zeit am Pfingstsonntag allerdings nicht freiwillig. Denn an einem Feiertag wie dem Pfingstsonntag war es verboten, zu trainieren, und das Stadion in Thun war geschlossen. Anstatt zu trainieren, konnte Sing seine Mannschaft psychisch sehr gut vorbereiten. Bauer erinnert sich, wie er der Mannschaft «eintrichterte, ein Cupsieg sei viel höher zu bewerten als eine Meisterschaft. Im Cup geht es in 90 Minuten um Sein oder Nichtsein. Ein Sieg löst viel mehr Emotionen aus als der Meistertitel nach 26 gespielten Runden. Sing bereitete uns sehr gut auf den Final vor und wir waren sehr motiviert.»
10’000 in Bern
Doch nicht nur für den Trainer und die Spieler war der Cupfinal etwas Aussergewöhnliches, sondern auch für die Fans aus St. Gallen. Bereits als die Mannschaft mit dem Car beim Wankdorf ankam, waren viele St. Galler und St. Gallerinnen zugegen. Biaggi denkt gerne an die Stimmung zurück, die im Wankdorf herrschte: «Von den 24’000 Zuschauern im Wankdorf waren über 10’000 Fans von uns. Die Stimmung war genial.»
Eine Geschichte zweier Fans blieb nicht nur Biaggi, sondern auch Bauer, Grünig und Bertram Mogg in Erinnerung. Mogg war damals trotz gerade erst verheilter Meniskusverletzung im Aufgebot und konnte die Szenerie von der Ersatzbank aus beobachten. «Zwei Fans durften als Gallus und St. Galler Bär verkleidet die elf St. Galler Spieler nach dem Einmarsch auf dem Platz begrüssen. Der als St. Galler Bär verkleidete Fan erlaubte sich danach einen Scherz und sprang über das Feld zum einen Tor. Er kletterte auf das Tor und beschädigte das Tornetz. Das Sicherheitspersonal führte ihn ab und sperrte ihn in eine Zelle. Das Spiel konnte er nicht sehen. Doch rebellierte er in der Zelle so sehr, bis sie ihm ein Radio brachten, damit er den Match wenigstens hören konnte.»
Mogg ist der einzige Spieler, der mit dem FC St. Gallen zwei Cupfinals erleben durfte. Acht Jahre nach dem Cupsieg war er 1977 wieder dabei, als der FCSG im Finale gegen die Berner Young Boys mit 0:1 verlor. Zum Einsatz kam er aber nur 1977. Beim Cupfinal 1969 hätte er in der ersten Halbzeit kurz vor dem Pausenpfiff eingewechselt werden sollen. Grünig erzählt, Sing wollte Moscatelli auswechseln. «Doch Aldo sagte, es ist Cupfinal, ich bleibe auf dem Feld, fertig. Das ist mein letzter Cupfinal, den ich erleben darf.» Der Leidtragende war Mogg, denn Sing setzte sich überraschenderweise nicht durch und liess Moscatelli auf dem Feld. Er erinnert sich: «Natürlich fuchste mich das, gerne hätte ich gespielt. Aber ich kam gerade erst zurück von einer Meniskusverletzung. Für mich war es bereits eine grosse Freude, überhaupt mitfahren zu dürfen und im Aufgebot zu sein. Es gab deshalb auch kein böses Blut zwischen Aldo und mir. Auch medial war diese Nichteinwechslung überhaupt kein Thema.»
Bei den Feierlichkeiten nach dem Schlusspfiff war Mogg aber mit von der Partie. Während Frigerio von der AC Bellinzona nach dem Spiel weinte, weil er von Bauer kaltgestellt worden war und seine Mannschaft den Final verloren hatte, erhielten die St. Galler die Sandoz-Trophäe vom St. Galler Bundesrat Kurt Furgler überreicht. Die Ehre, den Pokal als Erster in die Höhe zu stemmen, hatte Captain Grünig. «Für mich war es eine grosse Ehre. Ich hatte das noch nie zuvor gemacht und hatte keine Ahnung, dass dieser mit Champagner gefüllt war. Ich wollte ihn mit einer Hand heben und liess ihn fast wieder fallen. Ich war überrascht, wie schwer er war.»
Nach den ersten Feierlichkeiten ging es für die Mannschaft mit dem Zug zurück nach St. Gallen. Das Team war jedoch nicht für sich allein, viele Fans waren ebenfalls im gleichen Zug auf dem Heimweg. Damit die Spieler den ganzen Abend geniessen konnten, tranken sie nicht nur Bier, sondern vor allem Kaffee und Tee. Biaggi und Bauer zumindest hielten sich vorsichtshalber mit Alkohol und Bier zurück, denn beide wollten eine gute Figur beim anschliessenden Fest machen.
Nicht alle feierten mit
Vor dem grossen Festanlass im früheren Kongresshaus von Schützengarten gab es einen Empfang der Mannschaft am St. Galler Bahnhof. Der Bahnhofplatz sei überfüllt gewesen mit Fans, erinnert sich Bauer. Die Stimmung war einmalig und zeigte den Spielern auf, welches Geschenk sie nicht nur sich selbst, sondern auch den Fans gemacht hatten. Begleitet von den Fans fuhr die Mannschaft danach mit der Kutsche zum Schützengarten.
Doch nicht alle Spieler konnten an den Festlichkeiten teilnehmen und den Cupsieg gebührend feiern. Frei, pfeilschneller und torgefährlicher Flügel, musste am nächsten Tag um 7.30 Uhr wieder arbeiten und verzichtete auf die Teilnahme an der Feier. Er ging nach Hause und putzte seine Fussballschuhe.
Der FC St. Gallen sei zu dieser Zeit sowieso wie eine grosse Familie gewesen, blickt Biaggi zurück. Er erinnert sich an ein Erlebnis, welches ihm bis heute geblieben ist und die Nähe zu den Fans sehr gut aufzeigt. Er arbeitete damals neben dem Fussball 90 Prozent als Anlageberater bei der Schweizerischen Volksbank. Nach einem Sieg in der Meisterschaft gegen Lausanne überraschte ihn am Montagmorgen ein Fan am Schalter in der Bank: «Plötzlich kam ein Fan mit einer Kiste Gemüse an meinen Schalter. Der Direktor der Bank war überrascht und hatte so etwas noch nie gesehen. Der Fan meinte nur, das sei für Jean-Paul, er habe so gut gespielt gegen Lausanne.»
Doch nicht nur zu den Fans war der Kontakt sehr eng, sondern auch zum Vorstand, allen voran zu Elio Cellere, damals Präsident des FC St. Gallen. Ihm war es zu verdanken, dass der Club innert kurzer Zeit von der 1. Liga in die Nationalliga A aufsteigen und in der ersten Saison in der obersten Liga gleich den Cup gewinnen konnte. Er tätigte Transfers, die schweizweit für Aufsehen sorgten, und verfolgte das Ziel, den FC St. Gallen wieder dahin zu bringen, wo er hingehörte. Sein Engagement brachte dem FC St. Gallen in einem Schweizer Medium sogar den Namen «Die Millionarios» ein.
Cellere war oft bei der Mannschaft, hatte eine grosse Nähe zu den Spielern und schaute viel im Training vorbei. Bei den Spielen fieberte er jeweils so sehr mit, dass er sich immer wieder hinter die Tribüne begeben musste, weil er nicht mehr zuschauen konnte. Alle Spieler finden nur lobende Worte zum Präsidenten der Cupsieger-Mannschaft 1969. Mogg zum Beispiel hat grossen Respekt vor dem, was Cellere für den FC St. Gallen getan hat. Er hebt seine natürliche Autorität und die grossen menschlichen Züge hervor: «Die Spieler kamen immer mal wieder zu Elio nach Hause zum Essen. Einige arbeiteten sogar für ihn. Er zeigte sich gegenüber ihnen immer von einer sehr väterlichen Seite.»
Nach dem Cupsieg zeigte sich der Vorstand rund um Cellere grosszügig. Die meisten Spieler hatten keine Prämien für einen allfälligen Cupsieg im Vertrag vereinbart. Grünig war einer der wenigen, die dies hatten. Er erinnert sich: «Als wir uns für den Cupfinal qualifizierten, redete ich mit den Spielern und fragte sie, ob sie auch eine Prämie im Vertrag haben. Der Grossteil der Mannschaft kannte diese Prämien nicht. Ich traf mich deshalb mit dem Vorstand. Sie versprachen mir, ich könne ein Couvert abholen mit 20’000 Franken, falls wir den Cup gewinnen würden. Nach dem Sieg konnte ich das Couvert tatsächlich abholen und verteilte das Geld je nach Einsatz im Cupfinal an die Mitspieler.»
50 Jahre ist es nun her, seit der FC St. Gallen das erste und bisher einzige Mal den Schweizer Cup gewonnen hat. Keine Cupsieg-Prämie im Vertrag, Spieler, die nebenbei 90 Prozent arbeiteten, oder Spieler, die auf die Cupfeier verzichteten, weil sie am Tag danach arbeiten mussten, verdeutlichen, wie lange es her ist. Am 140-Jahr-Fest des FC St. Gallen waren viele der damaligen Cupsieger anwesend. Biaggi konnte mit seinen Team-Kollegen für einmal wieder in Erinnerungen schwelgen: «Es war sehr schön. Die alte Garde war wieder vereint.»
Bleibt zu hoffen, dass eine junge Garde aus St. Gallen der alten Garde folgt und die Sandoz-Trophäe nach über 50 Jahren wieder nach St. Gallen holt.